Du bist nicht langsam. Du hast keine Deep-Work-Blöcke.
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Slack, E-Mails, "Hast du mal kurz?" und die Konzentration ist weg. Wie du dir als Entwickler Deep-Work-Blöcke sicherst, die wirklich halten.
Kennst du das? Du sitzt an einem TYPO3-Upgrade, bist gerade dabei, die Abhängigkeiten im Composer zu sortieren, hast den Überblick über drei Extensions gleichzeitig im Kopf. Dann blinkt Slack auf. Eine Kollegin fragt, ob du "kurz mal drüberschauen" kannst. Du schaust. Sind ja nur 30 Sekunden. Du gehst zurück zum Code. Und dann: Wo war ich eigentlich gerade?
Dieses Gefühl kennt vermutlich jeder, der Code schreibt. Du bist nicht langsam. Du wirst nur ständig rausgerissen. Und genau das kostet dich mehr Zeit, als du denkst.
Was Deep Work eigentlich bedeutet
Der Begriff stammt von Cal Newport, Informatikprofessor an der Georgetown University, aus seinem Buch "Deep Work: Rules for Focused Success in a Distracted World" (kein Affiliate-Link). Deep Work beschreibt die Fähigkeit, sich ohne Ablenkung auf eine kognitiv anspruchsvolle Aufgabe zu konzentrieren. Das Gegenteil davon ist Shallow Work: E-Mails beantworten, Slack-Nachrichten checken, Meetings absitzen. Alles Dinge, die sich nach Arbeit anfühlen, aber selten echten Fortschritt bringen.
Für Entwickler ist Deep Work kein Nice-to-have. Es ist die Grundvoraussetzung dafür, dass überhaupt etwas Sinnvolles entsteht. Ob du ein TYPO3-Upgrade durchführst, eine Extension entwickelst oder ein komplexes TypoScript-Setup debuggst: Du brauchst zusammenhängende Zeitblöcke, in denen dich niemand stört.
Die versteckten Kosten einer Unterbrechung
"Sind ja nur 30 Sekunden." Das stimmt. Für die Unterbrechung selbst. Aber was danach passiert, dauert deutlich länger.
Eine Studie von Gloria Mark, Daniela Gudith und Ulrich Klocke (veröffentlicht 2008 in den Proceedings der SIGCHI Conference on Human Factors in Computing Systems) hat untersucht, was Unterbrechungen mit uns machen. Das Ergebnis: Unterbrochene Personen arbeiten zwar schneller, um die verlorene Zeit aufzuholen, aber sie bezahlen dafür mit deutlich mehr Stress, Frustration und Zeitdruck. Die Qualität der Arbeit bleibt gleich – aber der Preis dafür ist hoch.
Dazu kommt etwas, das ich aus meinem eigenen Alltag kenne: Nach einer Unterbrechung kehrst du selten direkt zur ursprünglichen Aufgabe zurück. Du checkst noch schnell eine E-Mail, beantwortest noch eine Nachricht, schaust noch kurz in ein anderes Ticket. Und dann sitzt du da und fragst dich: Was habe ich eigentlich gerade gemacht? Worum ging es nochmal? Welche Datei hatte ich offen?
Wenn dir das drei- oder viermal am Tag passiert, verlierst du nicht nur Zeit. Du arbeitest den ganzen Tag unter erhöhtem Druck, ohne es zu merken. Nicht weil du langsam bist. Sondern weil du nie lange genug am Stück arbeiten konntest.
Warum Entwickler besonders betroffen sind
Nicht jeder Job leidet gleich stark unter Unterbrechungen. Wenn du E-Mails bearbeitest oder Rechnungen prüfst, kannst du nach einer Störung relativ schnell weitermachen. Aber Softwareentwicklung funktioniert anders.
Wenn du Code schreibst, baust du dir ein mentales Modell im Kopf auf. Du hältst Abhängigkeiten, Datenflüsse, Variablen und Seiteneffekte gleichzeitig im Arbeitsgedächtnis. Das braucht Zeit, um aufgebaut zu werden. Und es bricht sofort zusammen, wenn jemand reinkommt mit "Hast du mal kurz?"
Das gilt genauso für Videoproduktion, Kurskonzeption oder das Schreiben von Dokumentation. Alles, was zusammenhängendes Denken erfordert, braucht zusammenhängende Zeit.
Die Sache mit der ständigen Erreichbarkeit
Ich beobachte das immer wieder: Menschen, die innerhalb von zehn Minuten auf jede E-Mail antworten. Jedes Mal. Egal, wann man ihnen schreibt.
Klar, manchmal hat man gerade nichts Dringendes auf dem Tisch. Das kommt vor. Aber wenn das der Normalzustand ist, dann läuft im Hintergrund eine E-Mail-Benachrichtigung, die bei jeder eingehenden Nachricht aufploppt. Und jedes Mal, wenn es "Bing" macht, ist die Konzentration weg.
Als Entwickler ist das der Produktivitätskiller schlechthin. Du wirst nicht durch schwierige Aufgaben langsam. Du wirst langsam durch die permanente Bereitschaft, auf alles sofort zu reagieren.
Wie ich das für mich gelöst habe
Ich bin halb selbstständig mit meinem eigenen TYPO3-Business und halb in einer Agentur angestellt. In beiden Welten brauche ich konzentrierte Zeitblöcke. Aber die Rahmenbedingungen sind unterschiedlich.
Im eigenen Business habe ich die volle Kontrolle. Wenn ich an einem bestimmten Tag Videos produziere oder an einem Kurs arbeite, blocke ich den Tag im Kalender. Über Calendly, das ich für Terminbuchungen nutze, kann dann niemand einen Termin buchen. Da gibt es schlicht keinen freien Slot. Telefon? Dafür nutze ich ein Callcenter. Die nehmen Anrufe entgegen und leiten sie per E-Mail an mich weiter. Ich rufe zurück, wenn ich Zeit habe. Man kann mich also nicht einfach anrufen und aus der Konzentration reißen.
Für große Projekte blocke ich mir auch mal ganze Wochen. Für meinen TYPO3 Komplettkurs, an dem ich gerade arbeite, habe ich mir 14 Tage am Stück reserviert, in denen nichts anderes stattfindet. Keine Termine, keine Calls, nur Kursproduktion.
In der Agentur sieht es anders aus. Hier bin ich per Slack und Telefon erreichbar. Das gehört dazu. Aber wenn ich an etwas arbeite, das hohe Konzentration erfordert, stelle ich Slack auf "Nicht stören" und schalte das Telefon stumm. Die Kollegen wissen, dass sie vorher fragen müssen, ob ich gerade Zeit habe. Das weiß und respektiert auch der Chef. Kein Drama, einfach klare Kommunikation.
Was du als Angestellter tun kannst
"Ja, aber ich bin angestellt. Ich kann mir kein Callcenter einrichten." Stimmt. Musst du auch nicht. Aber du kannst trotzdem für deine Fokuszeit kämpfen.
Kommuniziere klar, was du brauchst. Wenn du konzentriert an einem Projekt arbeiten musst, sag das. Stell deinen Status in Slack auf "Nicht stören". Blockiere dir zwei Stunden im Kalender. Und dann zieh das durch.
Dein Arbeitgeber profitiert davon. Du bist Entwickler. Du schreibst den Code. Du bringst den Umsatz. Ein Arbeitgeber, der seinen Entwicklern keine geschützten Zeitblöcke für konzentriertes Arbeiten ermöglicht, handelt schlicht geschäftsschädigend. Das ist nicht übertrieben, das ist Fakt.
Finde heraus, wo du am besten konzentriert arbeiten kannst. Für mich ist das Arbeiten von zu Hause aus die perfekte Lösung. Tür zu, Ruhe, volle Konzentration. Ich habe auch schon mal einen halben Tag aus einem Café mit Blick auf den Bodensee gearbeitet, einfach weil ich Lust darauf hatte. Und es hat funktioniert. Solange du Internet hast, kannst du in unserer Branche von überall aus arbeiten, ohne unproduktiver zu werden.
Aber ich kenne auch Leute, die zu Hause überhaupt nicht produktiv arbeiten können und den Kontakt zu Kollegen brauchen. Das ist völlig in Ordnung. Nicht jeder arbeitet gleich. Finde heraus, wo du am besten funktionierst, und sorge dafür, dass du dort deine Deep-Work-Blöcke bekommst.
Was ich allerdings nicht nachvollziehen kann: Agenturen, die ihren Entwicklern willkürliche Beschränkungen auferlegen. "Maximal zwei Tage pro Woche von zu Hause" oder gleich komplette Büropflicht. In einer Branche, in der es null Unterschied macht, ob jemand vom Schreibtisch zu Hause, aus dem Büro oder aus einem Café am Bodensee arbeitet. Wenn du in so einer Situation steckst: Sprich es an. Erkläre, warum konzentriertes Arbeiten für dich woanders besser funktioniert. Und wenn dein Arbeitgeber trotzdem auf Anwesenheit besteht statt auf Ergebnisse zu schauen, dann weißt du zumindest, woran du bist.
Sei standhaft. Das klingt unbequem, aber es ist notwendig. Auch gegen Vorgesetzte, die das anders sehen. Du weißt am besten, wie du am produktivsten arbeitest. Verteidige das.
Solange niemand stirbt, ist es kein Notfall
Viele Entwickler stellen Slack auf "Nicht stören" und haben dann ein schlechtes Gewissen. Was, wenn ich etwas Wichtiges verpasse? Was, wenn das Team mich braucht?
Ich habe einen etwas anderen Blickwinkel darauf, weil ich früher viele Jahre als Krankenpfleger gearbeitet habe. Da gab es echte Notfälle. Menschen, die sofort Hilfe brauchten, weil sonst etwas Schlimmes passiert.
Seitdem definiere ich "dringend" etwas anders: Solange niemand stirbt, wenn ich etwas nicht sofort mache, ist es kein Notfall. Es kann 30 Minuten warten. Oder eine Stunde.
Natürlich gibt es Ausnahmen. Wenn du einen Online-Shop betreust, der fünfstellige Umsätze pro Stunde macht, dann ist ein Ausfall tatsächlich zeitkritisch. Aber bei den allermeisten Website-Projekten ist es völlig egal, ob du auf eine Anfrage sofort oder in einer Stunde reagierst. Ehrlich.
Das schlechte Gewissen verschwindet, sobald du verstehst: Du machst das nicht, um faul zu sein. Du machst es, um besser zu arbeiten. Davon profitieren alle.
Kenne deinen Rhythmus
Ich bin Frühaufsteher. Morgens bin ich am produktivsten, nachmittags lässt die Energie nach. Das war schon immer so. Sogar in meiner Zeit als Krankenpfleger waren die Spätschichten zäher als die Frühschichten.
Deshalb lege ich die Aufgaben, die volle Konzentration brauchen, in den Vormittag. E-Mails und Nachrichten sichte ich morgens kurz, priorisiere und fange dann mit der wichtigsten Aufgabe an. Nachmittags erledige ich das, was weniger Fokus braucht.
Das ist kein Geheimrezept. Es ist einfach Selbstkenntnis. Jeder hat eine Tageszeit, in der die Konzentration am höchsten ist. Finde deine und schütze sie.
Übrigens: Auch "keine Lust, aber wichtig" gehört dazu. Nicht jede Aufgabe macht Spaß. Wenn sie trotzdem erledigt werden muss, dann mach sie in deiner besten Zeit. Aufgaben, die nicht dringend sind und auf die du keinen Bock hast? Die dürfen auch mal einen Tag warten.
Ohne Pausen kein Deep Work
Alle fünf bis sechs Wochen versuche ich, mir einen Tag freizuhalten, an dem ich gar keine Termine habe und mir auch nichts vornehme. Ich nenne das einen Self-Care-Day. Was ich an dem Tag mache, entscheide ich spontan. Vielleicht eine Radtour. Vielleicht etwas arbeiten, wenn ich Lust habe. Vielleicht auch einfach nichts.
Das klingt nach Luxus. Ist es aber nicht. Wenn du ständig unter Strom stehst und nie wirklich abschaltest, leidet langfristig die Qualität deiner Arbeit. Ein Tag ohne Agenda ist kein verlorener Tag. Er ist eine Investition in die Tage danach.
Was du jetzt tun kannst
Du musst nicht morgen alles umkrempeln. Ein erster Schritt reicht:
Finde heraus, wann du am besten arbeitest. Morgens? Nachmittags? Abends? Dann blockiere dir genau diese Zeit. Mindestens zwei Stunden am Stück, ohne Meetings, ohne Slack, ohne E-Mails.
Teste das eine Woche lang. Schau, was passiert. Die Welt wird nicht untergehen, weil du zwei Stunden nicht erreichbar warst. Aber du wirst merken, wie viel du in dieser Zeit schaffen kannst, wenn du nicht alle zehn Minuten rausgerissen wirst.
Und dann verteidige diese Zeit. Gegen Kollegen, gegen Kunden, gegen dich selbst (denn die Versuchung, "nur kurz" auf Slack zu schauen, ist der größte Feind). Du bist derjenige, der den Code schreibt. Du bringst den Umsatz. Also sorge dafür, dass du das auch tun kannst.
Häufige Fragen zu Deep Work und Fokuszeit
Laut einer Studie von Gloria Mark (University of California Irvine) arbeiten unterbrochene Personen zwar schneller, um verlorene Zeit aufzuholen, erleben dabei aber deutlich mehr Stress, Frustration und Zeitdruck. In der Praxis kommt hinzu, dass man nach einer Störung oft nicht direkt zur ursprünglichen Aufgabe zurückkehrt, sondern erst andere Dinge erledigt.
Deep Work beschreibt konzentriertes Arbeiten an kognitiv anspruchsvollen Aufgaben ohne Ablenkung. Shallow Work umfasst einfache, oft administrative Tätigkeiten wie E-Mails beantworten oder Meetings. Für Softwareentwicklung ist Deep Work die Grundvoraussetzung für produktives Arbeiten.
Kommuniziere klar, dass du ungestörte Zeitblöcke brauchst. Blockiere mindestens zwei Stunden pro Tag im Kalender, stelle Benachrichtigungen auf stumm und nutze Möglichkeiten wie das Arbeiten von zu Hause aus. Dein Arbeitgeber profitiert davon, weil konzentriertes Arbeiten bessere Ergebnisse liefert.
Beim Programmieren baut man ein komplexes mentales Modell auf, das Abhängigkeiten, Datenflüsse und Seiteneffekte gleichzeitig im Arbeitsgedächtnis hält. Dieses Modell braucht Zeit zum Aufbauen und bricht bei jeder Störung zusammen. Anders als bei administrativen Aufgaben kann man nach einer Unterbrechung nicht einfach dort weitermachen, wo man aufgehört hat.
Beobachte eine Woche lang, zu welcher Tageszeit du am konzentriertesten arbeitest. Manche sind morgens am produktivsten, andere nachmittags oder abends. Lege deine anspruchsvollsten Aufgaben in diese Zeit und schütze sie vor Meetings und Unterbrechungen.
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Hi, ich bin Wolfgang.
Seit 2006 arbeite ich mit TYPO3. Nicht in der Theorie, sondern in echten Projekten mit echten Deadlines. Die Probleme, die du gerade hast, hatte ich wahrscheinlich schon dreimal.
Irgendwann habe ich angefangen, mein Wissen in Videokurse zu packen. Nicht weil ich gerne vor der Kamera stehe, sondern weil ich dieselben Fragen immer wieder gehört habe. Mittlerweile sind es Hunderte Videos geworden. Jedes Einzelne entstand aus einer konkreten Frage aus einem konkreten Projekt.
Was mich von einem YouTube-Tutorial unterscheidet: Ich kenne nicht nur die Lösung, sondern auch den Kontext. Warum etwas so funktioniert. Wann es nicht funktioniert. Und welche Fehler du dir sparen kannst, weil ich sie schon gemacht habe.
Meine Teilnehmer nutzen mich als Sparringspartner. Nicht im Sinne von "ruf mich jederzeit an", sondern so: Du kommst mit einem konkreten Problem in die Live-Session, postest deine Frage in der Community oder schaust dir das passende Video an. Und bekommst eine Antwort, die funktioniert, weil sie aus der Praxis kommt.
Als Mitglied im TYPO3 Education & Certification Committee sorge ich dafür, dass die Zertifizierungsprüfungen auf dem aktuellen Stand bleiben. Was dort geprüft wird, fließt direkt in meine Kurse ein.