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Der alte Hut, der mich Jahre lang gebremst hat

Der alte Hut, der mich Jahre lang gebremst hat

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2013 auf einem TYPO3-Camp habe ich zum ersten Mal eine Session gehalten und mich dabei ständig gefragt, ob ich überhaupt etwas zu sagen habe. Der eigentliche Denkfehler wurde mir erst Jahre später klar.

Viele Entwickler leisten gute Arbeit, die trotzdem kaum jemand mitbekommt. Sichtbarkeit wird schnell mit Selbstdarstellung auf Social Media verwechselt, dabei kann sie ganz anders aussehen: ein Vortrag auf einer Fachveranstaltung, ein Blogartikel, ein Video. Das ist auch für introvertierte Menschen machbar, wie ich aus eigener Erfahrung weiß.

Mein persönlicher Einstieg in dieses Thema war ein sogenanntes TYPO3-Camp, eine Fachveranstaltung in der TYPO3-Community, bei der Teilnehmer eigene Themen in kurzen Sessions vor meist 20 bis 50 Leuten vorstellen. Das Format kennt vielleicht nicht jeder Leser, das Prinzip dahinter aber schon: die eigene Arbeit vor anderen zeigen, statt sie nur im Hintergrund abzuliefern.

Der Gedanke, der mich jahrelang gebremst hat

2013, mein erstes TYPO3-Camp als Mitarbeiter der Agentur von Jochen Weiland. Kurz vorher war ich noch Krankenpfleger. Bei uns war es üblich, dass jeder, der auf ein Camp fährt, dort auch eine Session hält. Also musste ich eine halten.

Vor der Session hatte ich keine Angst davor, vor Leuten zu stehen, oder davor, mich zu blamieren. Der Gedanke, der mich wirklich blockierte, war ein anderer: Habe ich überhaupt etwas zu erzählen, das für die anderen nicht sowieso ein alter Hut ist?

Ich war Quereinsteiger, gerade mal ein knappes halbes Jahr hauptberuflich in der Branche. Zwar war ich schon einige Jahre nebenberuflich neben meinem Job als Krankenpfleger mit TYPO3 aktiv, aber das war etwas ganz anderes als der volle Einstieg. Im Publikum saßen Leute, die TYPO3 schon seit Jahren hauptberuflich kannten.

Wer war ich, denen etwas zu erzählen?

Die Session lief trotzdem gut. Gut besucht, interessierte Leute, Spaß dabei. Seitdem gibt es kaum ein Camp, auf dem ich keine Session halte, mal eine, mal mehrere. Der Rekord liegt bei drei an einem Wochenende.

Der Gedanke von damals, der alte Hut, blieb trotzdem noch lange. Es hat Jahre gedauert, bis ich verstanden habe, warum er falsch war.

Es gibt immer jemanden, der weniger weiß als du

Der Denkfehler war simpel. Ich habe mich nur mit den Leuten verglichen, die mehr wussten als ich. Die gab es auf jedem Camp reichlich.

Was ich übersehen habe: Es gibt auf jeder Veranstaltung auch die, die weniger wissen. Für die ist genau das neu und hilfreich, was für mich schon selbstverständlich war.

Sichtbarkeit heißt nicht, der klügste Kopf im Raum zu sein. Es reicht, für irgendjemanden im Raum relevant zu sein. Diese Person gibt es fast immer.

Ein Spruch, den ich vor Jahren von einem Mentor gehört habe, bringt das gut auf den Punkt: Dein Gut ist das Perfekt der anderen. Was sich für dich nach Grundwissen anfühlt, wirkt für jemanden mit weniger Erfahrung oft schon wie echte Kompetenz.

Und das Gegenteil von meiner ursprünglichen Sorge stimmt sogar öfter: Gute Sessions bleiben im Kopf, gerade weil die Zuhörer darüber nachdenken, wie sie das Gehörte in ihren eigenen Projekten anwenden können. Genau das macht solche Formate wertvoll, für die Zuhörer und für den, der vorne steht.

Sichtbarkeit ist kein Bühnenprogramm

Sessions auf Camps waren nur ein Teil meiner Sichtbarkeit. Ein großer Teil kam über YouTube. Ich werde bis heute regelmäßig auf einzelne Videos angesprochen, die ich vor Jahren gedreht habe.

Der Unterschied zwischen einer Live-Session und einem YouTube-Video ist für introvertierte Menschen entscheidend. Bei einem Video sitzt niemand im Raum, der live zusieht. Man kann schneiden, korrigieren, in Ruhe formulieren. Trotzdem erreicht man am Ende genauso viele oder mehr Menschen als mit einem Vortrag.

Ich rate niemandem, sich zu etwas zu zwingen, was nicht zur eigenen Persönlichkeit passt. Wer lieber schreibt statt spricht, sollte bloggen statt Vorträge zu halten. Wer lieber am Schnittprogramm sitzt statt live auf der Bühne zu stehen, sollte Videos machen statt Sessions zu halten. Man muss immer abwägen, welcher Kanal zur eigenen Persönlichkeit passt. Sichtbarkeit ist kein festes Format, sondern eine Entscheidung, wie man sich zeigen will.

Was daraus tatsächlich entstanden ist

Nach über 16 Jahren mit Sessions, Videos und Community-Arbeit lässt sich schwer sagen, welcher einzelne Auftritt was genau bewirkt hat. Aber ein paar Dinge sind klar erkennbar.

Ich habe auf Camps sehr viele Menschen kennengelernt, mit denen sich später Kooperationen ergeben haben. Jemand, der heute beim Videoschnitt für meine Kurse hilft, kenne ich aus genau diesem Umfeld. Solche Verbindungen entstehen nicht, wenn man nur im Hintergrund arbeitet.

Über YouTube ist außerdem etwas entstanden, was sich am ehesten als Rolle in der Community beschreiben lässt. Ich werde regelmäßig auf die Videos angesprochen, auch von Leuten, die ich noch nie live getroffen habe. Ohne diese Sichtbarkeit gäbe es diese Verbindung schlicht nicht.

Keiner dieser Effekte war von Anfang an geplant. Sie sind entstanden, weil ich irgendwann angefangen habe, etwas zu zeigen, statt zu warten, bis ich mich für gut genug hielt.

Fazit

Der alte Hut, vor dem ich mich 2013 gefürchtet habe, war nie das eigentliche Problem. Das Problem war, dass ich mich nur mit den Erfahrensten verglichen habe, statt daran zu denken, wem ich mit meinem Wissen tatsächlich helfen kann.

Wenn du introvertiert bist und dich bisher zurückgehalten hast, ist die Frage nicht, ob du der klügste Kopf im Raum bist. Die Frage ist, für wen dein Wissen gerade noch neu ist. Diese Person gibt es fast immer, egal auf welchem Kanal du dich zeigst.

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Wolfgang Wagner

Wolfgang Wagner

TYPO3 Trainer, Integrator und Berater TYPO3 Certified Integrator (TCCI)

Wolfgang Wagner – TYPO3 Seminare und Support · TYPO3 Education and Certification Committee · TCCI Task Force

Wolfgang Wagner arbeitet seit 2006 mit TYPO3 und ist unter wwagner.net als Trainer, Integrator und Berater aktiv. Schwerpunkt sind Schulungen, Online-Kurse und individuelle Beratung für Integratoren, Agenturen und Betreiber von TYPO3-Webseiten, die TYPO3 sauber, modern und wirtschaftlich einsetzen wollen. Er ist Mitglied im TYPO3 Education and Certification Committee und in der TCCI Task Force und gestaltet die offizielle TYPO3 Certified Integrator Prüfung aktiv mit.

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