Ship it: Warum Perfektionismus Experten ausbremst
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Zwei YouTube-Channels, die nie richtig liefen. Alte Videos, die heute peinlich sind, aber funktioniert haben. Und ein Satz, der alles zusammenfasst.
In der Software-Entwicklung gibt es einen Ausdruck dafür, wenn man etwas veröffentlicht, obwohl es noch nicht perfekt ist: "Ship it." Bring es raus. Mach es verfügbar. Auch wenn noch nicht jedes Detail sitzt.
Ich schreibe diesen Artikel, weil ich seit Jahren beobachte, wie gute Leute mit echtem Fachwissen unsichtbar bleiben. Nicht weil ihnen etwas fehlt, sondern weil sie glauben, es reicht noch nicht. Die Extension ist noch nicht sauber genug. Der YouTube-Channel noch nicht durchgeplant genug. Die eigene Weiterbildung noch nicht abgeschlossen genug.
Wenn du dich darin wiedererkennst, ist dieser Artikel für dich.
Das Problem heißt nicht Qualität. Es heißt Angst.
In der TYPO3-Community sehe ich das ständig. Und auch darüber hinaus.
Ein Beispiel: Jemand wollte einen YouTube-Channel starten. Das Thema: Programmierung und Entwicklung. Die Person war Experte auf dem Gebiet, keine Frage. Aber es musste erst alles perfekt sein. Die Aufnahmetechnik. Der Schnitt. Der Aufbau. Das Ergebnis: Kein einziges Video. Jemals. Soweit ich weiß, ist das Projekt inzwischen eingeschlafen.
Ein anderes Beispiel: Jemand hat tatsächlich angefangen, nach einem kräftigen Anstoß von außen. Ein paar Videos kamen raus. Und dann? Stille. Das Ganze ist wieder eingeschlafen. Ob die Resonanz nicht stimmte, der Aufwand zu groß war oder andere Dinge dazwischenkamen, weiß ich nicht.
Aber es zeigt: Anfangen allein reicht nicht. Man muss auch die Erwartung an sich selbst im Griff haben.
Meine eigene Geschichte mit "gut genug"
Ich habe unbewusst schon immer nach dem Motto "Better done than perfect" gelebt. Perfektionismus war bei mir nie der Blocker.
Heißt das, dass meine Arbeit immer perfekt war? Ganz im Gegenteil.
Wenn ich mir heute meine ganz alten Videos anschaue, liegen Welten zwischen damals und heute. Optische Qualität, Tonqualität, Didaktik. Teilweise ist es mir fast schon peinlich, was ich damals produziert habe.
Aber es hat funktioniert.
Der Bedarf war da. Die Leute fanden es gut, wahrscheinlich auch weil es nichts Vergleichbares gab. Und die Videos haben sich über die Jahre kontinuierlich verbessert. Gerade weil sie draußen waren. Gerade weil ich Feedback bekommen habe. Gerade weil ich nicht gewartet habe, bis alles perfekt ist.
Perfektionismus ist auch eine wirtschaftliche Frage
In der TYPO3-Welt kenne ich die Diskussionen gut: Wie perfekt muss der Code wirklich sein? Wie viel Zeit investiert man in Perfektion? Und vor allem: Hat der Kunde überhaupt Budget dafür?
Perfektionismus kostet Zeit. Zeit, die man oft nicht hat. Und Zeit, die der Kunde nicht bezahlt.
Das bedeutet nicht, dass man schlampig arbeiten soll. Es bedeutet, dass man einen realistischen Anspruch an die eigene Arbeit entwickeln muss.
Ein typisches Szenario: Ein Projekt steht zu 80 Prozent. Die Seite funktioniert, die Inhalte sind drin, der Kunde kann damit arbeiten. Aber du siehst noch Dinge, die du besser machen willst. Die Template-Struktur könnte sauberer sein. Das TypoScript könnte eleganter gelöst werden. Die Performance könnte noch ein paar Millisekunden schneller sein.
Also investierst du weitere Stunden. Vielleicht Tage. Für die letzten 20 Prozent, die oft mehr Aufwand kosten als die ersten 80. Und der Kunde? Merkt davon nichts. Der will, dass die Seite läuft.
Zwischen "gut" und "perfekt" liegt oft ein enormer Aufwand, der keinen spürbaren Unterschied für den Kunden macht. Aber einen spürbaren Unterschied für dein Konto.
"Ich bin noch nicht so weit"
Simon Liekam, IT-Freelancer-Coach mit über 20 Jahren Erfahrung, hat kürzlich auf LinkedIn einen Punkt gemacht, der mich zum Nachdenken gebracht hat: Die meisten IT-Freelancer scheitern nicht an Kunden. Sie scheitern am Satz "Ich bin noch nicht so weit."
Das ist kein Kompetenzproblem. Das ist ein Identitätsproblem.
Und ich sehe die gleichen Muster in der TYPO3-Welt. "Ich schau mir das an, wenn das aktuelle Projekt fertig ist." "Ich lerne das, wenn ich mehr Zeit habe." Das sind Sätze, die ich regelmäßig höre.
Und der Zeitpunkt kommt nie.
Ob jemand seine Extension nicht veröffentlicht, seinen YouTube-Channel nicht startet oder eine Weiterbildung auf die lange Bank schiebt: Im Kern ist es dasselbe Muster. Man wartet auf den perfekten Moment. Und der existiert nicht.
Dein Gut ist das Perfekt der anderen
Ich habe mal einen Spruch aufgeschnappt, der es für mich auf den Punkt bringt:
"Dein Gut ist das Perfekt der anderen."
Dinge, die wir als "nur okay" oder "gut" empfinden, sind für andere vielleicht schon perfekt. Weil sie nicht unser Wissen haben. Weil sie nicht unsere Erwartungshaltung kennen. Und weil unser Produkt oder unsere Dienstleistung genau deren Problem löst.
Auch wenn es aus unserer Sicht nicht perfekt ist.
Für den Kunden ist es perfekt, weil es sein Problem löst.
Nichts wird jemals perfekt sein
Es wird immer Luft nach oben geben. Es wird immer Dinge geben, die man verbessern kann. Das ist bei mir genauso: Es gibt viele Punkte, mit denen ich nicht zu 100 Prozent zufrieden bin. Aber das wird sich nie ändern, egal was ich tue.
Die Frage ist nicht, ob dein Produkt, dein Code oder dein Content perfekt ist.
Die Frage ist, ob du damit jemandem helfen kannst.
Wenn ja: Ship it.
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Hi, ich bin Wolfgang.
Seit 2006 arbeite ich mit TYPO3. Nicht in der Theorie, sondern in echten Projekten mit echten Deadlines. Die Probleme, die du gerade hast, hatte ich wahrscheinlich schon dreimal.
Irgendwann habe ich angefangen, mein Wissen in Videokurse zu packen. Nicht weil ich gerne vor der Kamera stehe, sondern weil ich dieselben Fragen immer wieder gehört habe. Mittlerweile sind es Hunderte Videos geworden. Jedes Einzelne entstand aus einer konkreten Frage aus einem konkreten Projekt.
Was mich von einem YouTube-Tutorial unterscheidet: Ich kenne nicht nur die Lösung, sondern auch den Kontext. Warum etwas so funktioniert. Wann es nicht funktioniert. Und welche Fehler du dir sparen kannst, weil ich sie schon gemacht habe.
Meine Teilnehmer nutzen mich als Sparringspartner. Nicht im Sinne von "ruf mich jederzeit an", sondern so: Du kommst mit einem konkreten Problem in die Live-Session, postest deine Frage in der Community oder schaust dir das passende Video an. Und bekommst eine Antwort, die funktioniert, weil sie aus der Praxis kommt.
Als Mitglied im TYPO3 Education & Certification Committee sorge ich dafür, dass die Zertifizierungsprüfungen auf dem aktuellen Stand bleiben. Was dort geprüft wird, fließt direkt in meine Kurse ein.